Kunden, die Tomaten gekauft haben, kauften auch … oder Amazon, die Bolognese und ich

Nun, es ist zwar schon ein Weilchen her, aber ich habe schon zweimal hinschauen müssen, als ich beim Einkaufen auf der Titelseite der Tageszeitung eine Frau mit Einkaufskorb, dem eingebauten Amazon-Schriftzug und natürlich die Überschrift sah – alles kündigte das "neue Zeitalter" des Online-Einkaufs an.
"Nun ist es soweit", dachte ich, "jetzt brauchen wir das Haus nicht mal mehr für den Supermarkteinkauf verlassen. Vorbei die Zeiten von langen Schlangen, Einkaufen nur nach Feierabend – vom lästigen Tütenschleppen mal ganz abgesehen" … oder?

Man soll ja Neuem gegenüber immer aufgeschlossen sein. Ich beschließe also den Selbstversuch und teste den Internetriesen auf seine Alltagstauglickeit.
Ich entscheide mich dafür, eine Bolognese zu kochen, weil man keine ausgefallenen Sachen dafür braucht und sie trotzdem richtig lecker schmeckt. Eigentlich – denke ich – sollte so das "virtuelle einkaufen gehen" kein Problem werden.
Folgende Zutaten brauche ich für mein Gericht: eine Dose Tomaten, 4 Rispentomaten, passierte Tomaten, eine Zwiebel, zwei bis drei Knoblauchzehen, zwei mittelgroße Karotten, 100g Panchetta, 500g Rinderhackfleisch und eine Packung Spaghetti.

Als erstes starte ich mit dem Begriff "Dosentomate" und erhalte ganze zwei Treffer. Die Preise beider Dosen lassen mich schlucken: 2,45 Euro und 3,29 Euro. Dies gibt mir einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt, wie "preisgünstig" das Ganze werden wird.
Als nächstes kaufe ich die Rispentomaten. Ich habe leider keine Wahl und muß ein 500g-Päckchen kaufen. Das billigste gibt es für 1,49 Euro.
Bei den passierten Tomaten sind den Preisen nach oben hin anscheinend keine Grenzen gesetzt, z.B. 8 Euro für 250 ml. Ich entscheide mich für eine 500 ml-Packung für 0,46 Euro. Bei den Karotten wähle ich "lose Möhren", da unter dem Suchbegriff "Karotten" bei Amazon alles andere als frische Karotten anzutreffen sind. Vorsichtshalber kaufe ich vier Möhren, da ich nicht weiß, wie groß sie ausfallen werden und zahle im ganzen einen Euro. Weiter erwerbe ich eine Knoblauchzehe für 0,59 Euro und ein Päckchen Spaghetti, Markenware, für 1,49 Euro.
Nachdem ich den Einkauf des Gemüses hinter mir habe bin ich gespannt auf die Fleischauswahl. Immerhin wirbt Amazon für frisches Fleisch und Fisch.
Unter dem Suchbegriff "Hackfleisch" erhalte ich dutzende Treffer: "Hackfleisch Jäger Art" von Knorr, "Hack-Käse-Topf" von Maggi (… und was ich von Tüten halte weiß man ja spätestens seit "und dann nur noch…").
Hilft alles nichts. Wo ist das Hackfleisch?
Alternativ hatte ich schon an ein "Ragú alla Bolognese" gedacht. Dann hätte ich frisches Rinderfilet gebraucht. Bei dem Preis von 131,40 Euro für zwei 300g-Stücke hätte ich mich aber letztendlich wahrscheinlich für ein vegetarisches Essen entschieden.
Auf der letzten Seite, unter dem Suchbegriff "Rinderhackfleisch" ergattere ich – wie mir scheint – das letzte verbliebene Exemplar einer abgepackten 500g-Menge für 3,95 Euro. Versuche ich es also damit.
Als letztes der Pancetta. Da er meiner Bolognese das "gewisse Etwas" verleiht, muß er natürlich mit in den Warenkorb. Schließlich gehe ich "ganz normal einkaufen". 300g des "gewissen Etwas' " kosten mich allerdings letztendlich 11,80 Euro.
Wie im realen Supermarkt, gehe ich zur Kasse. Im nächsten Schritt muß ich meine Lieferadresse eingeben und bei den unterschiedlichen Lieferanten die Versandarten markieren.
Gemüse und Spaghetti können mit der normalen Versandart in 1 bis 3 Werktagen geliefert werden. Der Pancetta – da extra aus Italien importiert – braucht ca. 4 bis 5 Werktage.
Bei allen Artikeln habe ich natürlich die Option des "Overnight-Express" – der kostet mich aber das doppelte wie der Standardversand.
Beim Hackfleisch stelle ich zu meinem Erstaunen fest, ebenfalls die Wahl zu haben: Standartversand (1-3 Werktage) oder Overnight-Express. …
Ihr kennt das doch. Auf den Fleischverpackungen steht doch meistens ein Hinweis: "zum raschen Verzehr bestimmt" oder ähnliches. Was wird denn daraus, wenn mein Fleisch schon ganze drei Tage zur Anreise braucht? Ganz zu schweigen davon, was passiert, wenn ich am Tag der Anlieferung das Päckchen nicht in Empfang nehmen kann. Ich sehe schon den Abholschein des Briefträgers: "Ihr leicht aufgeblähtes Paket kann frühestens ab 9.00 Uhr am folgenden Werktag in ihrer Postfiliale abgeholt werden".… Danke!
Das diese Bolognese nicht gerade etwas für Kurzentschlossene und die spontane Einladung wird, ist mir langsam mehr als klar. Aber selbst wenn das ganze Zeug dann mal nacheinander eingetrudelt ist, kommt doch keiner mehr mit einem ruhigen Gefühl zum essen. Außerdem weiß ich ja nicht einmal auf wann ich sie einladen soll. …
Ich dachte schon, das Hackfleischthema wäre die Krönung dieser Geschichte – nicht ganz.
Also ich "gehe zur Kasse", kreuze Lieferbedingungen an, bestätige wahrscheinlich irgendwo mit einem Häckchen, daß ich mich mit eventuell auftretenden Lebensmittelvergiftungen einverstanden erkläre (…bitte lesen sie die AGB's),  und dann darf ich vor der letztendlichen Bezahlung meine Rechnung noch einmal prüfen …
… mit stolzen 58,87 Euro wäre das wohl meine teuerste Bolognese überhaupt geworden.
Aber wie kam es dazu? Ganz einfach: da ich mich um billige Produkte bemüht habe, habe ich verschiedene Händler in Anspruch nehmen müssen. Jeder Lieferant hat andere Versandkosten, und die kommen zum Warenpreis dazu. So hätte ich für einen Warenwert von 24,22 Euro Versandkosten in Höhe von 34,65 Euro bezahlen sollen.

Die Geschichte endet mit einer Stornierung, und dem Gang zum Supermarkt meines Vertrauens. Zutaten einkaufen, Schlange stehen, Einkäufe schleppen – und dem guten Gefühl, spontan und ohne Risiko meine Freunde auf eine leckere Bolognese einzuladen.

PS: Leider funktioniert es gerade bei Bolognese nicht, alles von einem Lieferanten zu bekommen um sich so vielleicht die Versandkosten zu sparen oder wenigstens sie nur einmalig zu bezahlen.
Für ein leckeres frisches Essen müssen sie noch ein bißchen an der Logistik arbeiten.
Amazon ist vielleicht die richtige Adresse für Kaffee, Tee oder den 22er Pack "Maggi-Fix für China-Pfanne" (!!) …

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Kommentare

Liebe Betti,

herzlichen Dank für diesen " Selbstversuch". Die Vorstellung, dass die Postfilialen das bestellte Hackfleisch lagern sollen, ist schon sehr amüsant.

Ganz lieben Gruß von der Kräuterhexe

Hej Betti. Nette Geschichte. Ich frage mich, wieviel Zeit das Ganze gekostet hat. Ohne Frage ist das Einkaufen im Supermarkt schneller, direkter und unter Umständen auch sozialer. Ich habe wegen der mangelhaften Grünzeugqualität im Supermarkt jetzt auch einen Selbstversuch mit grüner Kiste gemacht. Ich bin bisher begeistert. http://newsletter.levermann.dk/#post100
Sieht total lecker aus, war aber auch kein Hackfleisch drin ;-)
Viele Grüsse von Carina

Hallo Betti,

ein sehr amüsanter Blog - und wenn man dann noch überlegt, das Pakete 7 Werktage bis zur Rücksendung oder Abholung bei der Post hinterlegt werden... :-)

Liebste Grüße vom Kochteufel

Herrlich – daran habe ich gar nicht gedacht … ja das wär's: Rückgabe wegen aufgetretener "Mängel" … die Packung muß dann wahrscheinlich von einem Bombeneinsatzkomando "entschärfen" lassen … ;-)

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